DSGVO und das Ende der Fotografie – nicht wirklich!

DISCLAIMER: Das hier ist kein juristischer Text zur DSGVO und keine Rechtsberatung. Ich übernehme für diese Aussagen keine Haftung! Dieser Text spiegelt lediglich meine Meinung und soll als Denkanstoß für Diskussionen gesehen werden sowie als „Gegenentwurf“ zu den hysterischen Artikeln, die im Netz rumgeister. Ihr seid gerne eingeladen zu kommentieren, falls ich mit meinen Aussagen daneben liege oder ihr der gleichen Meinung seid.

DSGVO

Seit geraumer Zeit beobachte ich die Diskussionen in diversen Gruppen wird mein Newsfeed mit Beiträgen zum Thema DSGVO vollgespammt.  Vor dem Stichtag am 25.05. gab es Unsicherheit. Und auch jetzt sehe ich, dass viele noch verunsichert sind und das nachplappern, was irgendwo anders steht – das die Panikmache fördert. Deshalb habe ich mir auch mal paar Gedanken gemacht.

Zu dem Thema habe ich viel gefunden. Wenn ich das alles hier unterbringe wird der Artikel arg lang. Deshalb habe ich mich nur nur auf das Wesentlichste konzentriert. Ist trotzdem nicht wenig geworden.


In vielen Facebook-Gruppen prophezeihten viele (gefühlt: alle) das Ende der (dokumentarischen) Fotografie wenn am 25. Mai die DSGVO wirksam wird.

Natürlich wird es paar Änderungen geben und es wird auch ein wenig mehr Arbeit auf uns Fotografen zukommen. Wie z.B. die erweiterten Angaben in der Datenschutzerklärung, die (neuen) Rechte der Betroffenen oder Dokumentationspflichten berücksichtigen – oder Bußgelder bis 20 Mio. Euro bzw. 4% des Jahreseinkommen. (Um hier mal direkt was klar zu stellen: Es wird von möglichen 20 Mio gesprochen. Die Strafen der Behörden müssen IMMER verhältnismäßig sein. Ein Fotograf der alleine arbeitet muss nicht mit Strafen in Millionenhöhe rechnen!)

Um es vorab zu sagen: man braucht, nach wie vor, keine schriftliche Einwilligung um von jemandem ein Foto zu machen zu dürfen. Möchte er aber nicht fotografiert werden sollte man das respektieren. Es hat sich gar nicht viel geändert wie man annehmen könnte. Es ist eher so, dass man sich jetzt erst ausführlich mit dem Datenschutz auseinander gesetzt hat. Und da kommt es natürlich einem sehr viel vor, wenn man erst vor kurz vor knapp damit begonnen hat.

Immerhin… 90% sind mehr oder weniger aus dem deutschen Datenschutzgesetz übernommen worden. Z.B. brauchte man die Einwilligung zur Datenverarbeitung schon vorher. Auch musste man vorher schon einen Datenschutzbeauftragten (ab 10 Personen) haben und nicht erst seit dem 25. Mai. Dass man ihn nun bei der Behörde melden muss ist neu.

Warum gibt es die DSGVO? Nicht deshalb, weil der ein oder andere Fotograf unerlaubt mal ein Foto einer Person auf einer Hochzeitsreportage oder einem Konzert oder einer Messe geschossen hat und der Kunde/Fotograf das auf seiner Seite veröfflicht hat. Wenn Fotos gelöscht werden sollten hat man sich stets auf das „Recht am Eigenen Bild“ berufen und nicht auf irgendein Datenschutzgesetz wegen irgendwelcher personenbezogenen Daten.

Es geht vielmehr darum, dass größere Firmen / Konzerne / Big-Data Unternehmen in den letzten Jahren sehr schlampig mit (sensiblen) Daten umgegangen und es so zu dem ein oder anderen Datenskandal kam. Menschen sollen besser davor geschützt werden, dass ihre Daten mißbraucht werden und rechtswidrig verabeitet werden um damit Geld zu verdienen. Und nicht, weil ein Fotograf auf einem Konzert die Front-Row, auf einem Plenum die Zuschauer auf den Sitzen oder die Läufer in einem Firmenlauf fotografiert hat. Durchatmen und aufhören zu denken man hätte es auf uns Fotografen abgesehen.


 „Foto sind personenenbezogene Daten“…

oder „werden von nun an als Datensätze behandelt“ und die „DSGVO hebelt das KUG aus“ ließt man ständig. Weder in der DSGVO noch im BDSG finde ich eine exakte Begriffsbestimmung, dass Fotos dazu gehören. Das einzige mal in dem die Fotografie in der DSGVO erwähnt wird ist im Erwägungsgrund 51. Da wird von einem Lichtbild in Verbindung mit biometrischen Daten gesprochen. Aber klären wir mal kurz den Begriff „personenbezogene Daten“.

Im BDSG wurde Folgendes definiert:
§ 3 BDSG. Weitere Begriffsbestimmungen
(1) Personenbezogene Daten sind Einzelangaben über persönliche oder sachliche Verhältnisse einer bestimmten
oder bestimmbaren natürlichen Person (Betroffener).
(9) Besondere Arten personenbezogener Daten sind Angaben über die rassische und ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse oder philosophische Überzeugungen, Gewerkschaftszugehörigkeit, Gesundheit oder Sexualleben.

Damit sind quasi alle Informationen gemeint, die etwas über eine Person aussagen.

Und was steht in der DSGVO in Kapitel 1, Abs. 4?
Im Sinne dieser Verordnung bezeichnet der Ausdruck „personenbezogene Daten“ alle Informationen, die sich auf eine identifizierte oder identifizierbare natürliche Person (im Folgenden „betroffene Person“) beziehen; als identifizierbar wird eine natürliche Person angesehen, die direkt oder indirekt, insbesondere mittels Zuordnung zu einer Kennung wie einem Namen, zu einer Kennnummer, zu Standortdaten, zu einer Online-Kennung oder zu einem oder mehreren besonderen Merkmalen identifiziert werden kann, die Ausdruck der physischen, physiologischen, genetischen, psychischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder sozialen Identität dieser natürlichen Person sind.

Mehr oder weniger das gleiche in grün.

Das Foto ‚an sich‘ gehört nicht dazu. Aber eben das, was darauf abgebildet ist. Das kann eine menschenleere Landschaft sein, eine Menschenmenge auf einer Veranstaltung oder ein Einzelner. Aber auch so Dinge wie Krankenakten, ein Steuernachweise, Kontoauszüge, und und und. Also all das was von vornherein schon vertraulich behandelt wird und nicht offenkundig gezeigt wird. Demnach müsste auch ein leeres DIN-A4 Blatt beim Arzt als Datensatz angesehen werden. Darauf könnte sich ein Formular befinden, in dem der Patient personenbezogene Daten einträgt.


Dazu habe ich einen Fall aus dem Jahr 2000 gefunden…

…in dem es genau darum ging. Ja, ein alter Schinken, aber ich finde den sehr passend. Leider habe ich dazu keine weitern Quellen gefunden. Falls irgendjemand noch was dazu hat, immer her damit.

Damals wurde schon gesagt: „Die Datenschutzrichtlinie der EU erschwert die Veröffentlichung von Fotos im Internet: Fotos sind personenbezogene Daten.“ Und dennoch hat jeder nach Lust und Laune die Leute auf Veranstaltungen fotografiert ohne eine schriftliche Einwillung.

Der Fall: Ein schwedischer Fotograf wollte mit einem Foto die Meinungen diverser Datenschutzexperten hören und inwieweit das gegen die EU-Datenschutzrichtline verstößt. Das Testfoto hat er bei der Klagemauer in Jerusalem gemacht. Auf diesem sind sechs Leute zu erkennen und identifizierbar und zwei, die eine traditionelle jüdische Kleidung tragen.
Es gab unterschiedliche Meinungen. Der eine sagte, dass mit dem Foto sensible Daten veröffentlicht werden und es deshalb problematisch sei. Ein Argument gegen das Foto ist, dass die „Verarbeitung personenbezogener Daten, aus denen die rassische und ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse oder philosophische Überzeugung“ hervorgeht, verboten ist. Das hat man in den letzten Wochen tausendfach gehört und gelesen.

Andere widerum sagten: „In der Richtlinie und in unserem Datenschutzgesetz heißt es, dass Geheimhaltungsinteressen sensibler Daten nicht verletzt werden, wenn der Betroffene die Daten offenkundig und selbst öffentlich gemacht hat“ oder „Das Foto zeigt eine alltägliche Situation in Jerusalem. Es hat ja überhaupt nichts mit Religion und sensiblen Daten zu tun“.

Und das ist für mich der Punkt. Wenn jemand seine Daten offenkundig mitteilt, ist das keine Verletzung des Datenschutzes wenn ich von ihm ein Foto mache. Beispiel: jemand mag eine Partei und wählt diese auch. Die politische Gesinnung ist erstmal ‚privat‘. Wenn aber jemand bei einer AfD-Demo ein Plakat mit „Merkel-muss-weg“ oder anderen Parolen hochhält macht er seine politische Gesinnung öffentlich. Sie kann von „jedem“ gesehen werden. Dieser Mensch kann sich letztendlich nicht auf das Datenschutzrecht oder seine Privatsphäre berufen.

Wenn ich allerdings jemanden in seinen vier Wänden (das macht man eh nich) fotografiere und so „Daten“ veröffentliche, die er selbst nicht an die Öffentlichkeit gebracht hat, dann ist das nicht nur eine Verletzung der Privatsphäre sondern auch des Datenschutzes. Aber das ist in § 201a StGB schon geregelt und betrifft hauptsächlich Paparazzis – aber die mag eh keiner.


Wenn das alles schon vor fast 20 Jahren gesagt wurde und geregelt war. Wieso flippen heute „alle“ aus und schieben eine immense Panik?

Laut altem BDSG wären Fotos auch schon personenbezogene Daten gewesen wenn man diverse Interpretationen, die von der DSGVO ausgehen, für bare Münze hält. In der Begriffsbestimmtung vom BDSG sind auch alle alle Informationen gemeint, die etwas über eine Person aussagen. Also demnach auch Bilder. Das man eine Einwilligung braucht um personenbezogene Daten zu verarbeiten gab es vor der DSGVO auch schon. Was ist also anders bzw. was ist neu? Habe ich irgendwas übersehen? Irgendwas nicht verstanden?

Ganz schlimm ist übrigens der reißerische Artikel von Lead-Digital (und die beiden Online-Petitionen in denen ordentlich gepoltert wird), die fleißig geteilt wurden und auf dem sich viele berufen haben. Die haben, meiner Meinung nach, ordentlich zum Unmut beigetragen haben. Das ist kein gut gemeinter Artikel sondern Panikmache in Reinform. Ein Text, der von der Aufmachung und der Art genauso in der BILD erscheinen hätte können. Mit Angst bekommt man am einfachsten die Menschen rum.

Allein dieser Satz, der von einem Medienrechtler zitiert wird „Konkret sind Fotografen von bis zu 20 Millionen Euro Bußgeld pro Fall oder 4 Prozent des weltweiten Jahresgesamtumsatzes bedroht.“ Lead Digital schreibt dann: „Wenn sich in den nächsten Monaten herumspricht, welche enormen Schadenersatzansprüche hier möglich sind, und wenn Anwälte zunehmend auf diesem Gebiet tätig werden, dürfte sich die Situation für Fotografen noch weiter verschärfen“.

Und das wird einfach so stehen gelassen. Da wird davon nichts von Verhältnismäßkeit oder so gesprochen! Es wird der Eindruck erweckt JEDER muss mit drastischen Strafen rechnen. Nein, einfach nein. Die 20 Millionen Euro wurden übrigens deshalb festgelegt, weil der Datenschutzbeaftrager von Google salopp gesagt hat, dass ja seine Anwaltskosten höher sind als die 300.000 € (Strafe vor der DSGVO).


Jan Philipp Albrecht. Der Name sollte(!) ein Begriff sein, wenn man sich mit der Grundverordnung auseinandersetzt. Er wurde vom EU Parlament zum Berichtserstatter für die DSGVO ernannt. Man könnte sagen keiner kennt dieses Gesetz besser als er.

Ich zitiere mal aus seiner Seite (Punkt 6):

„[…]Fotos und auch deren Veröffentlichung – genau wie Äußerungen über andere Personen – fallen aber unter die Kunst- Presse- oder Meinungsfreiheit. Hier sieht die DSGVO in Artikel 85 vor, dass die EU-Mitgliedstaaten diese Grundrechte mit dem Datenschutz in Einklang bringen sollen, weil es hier vielfach noch unterschiedliche Rechtstraditionen gibt und die EU auch nicht wirklich für Regeln zur Meinungsfreiheit zuständig ist.

Durch die Paragraphen 22 und 23 des Kunsturhebergesetzes (KUG) hat der bundesdeutsche Gesetzgeber bereits seit Jahren (jedenfalls was Fotografie betrifft) seine Pflicht aus Artikel 85 der Datenschutz-Grundverordnung erfüllt. Es bedarf dazu keiner expliziten Referenzierung der DSGVO.[…]“

Auf seiner Seite werden übrigens weitere Mythen geklärt, die interessant sind und euch betreffen.

Zusätzlich kann ich auch den Podcast vom Spiegel empfehlen. Dort spricht Albrecht mit Sascha Lobo sehr ausführlich über die DSGVO.


Letzte Worte:

Ich helfe ja wirklich gerne. Aber ich bin bei diesem Thema ein wenig müde geworden. Und mir tut es auch echt leid, wenn ich darauf etwas genervt reagieren sollte 🙂 Deshalb habe ich den Artikel geschrieben und verschicke nur noch diesen Link wenn es um DSGVO & Fotografie geht.

„Und wieso soll ich diesem Text jetzt gehör schenken wenn der Anwalt XY was anderes gesagt hat?“. Ich bin tatsächlich kein Jurist. Aber von fünf Anwälten bekommst du auch zehn unterschiedliche Meinungen 😉

Das ist genau wie damals bei der Jahrtausendwende als allerlei Experten vor einem riesengroßen Börsen-Crash, Verkehrschaos oder einer Weltwirtschaftskrise warnten und so Panik schoben. Sogar von Flugzeugen, die vom Himmel fallen war die Rede. Viele Menschen reden viel, wenn der Tag lang ist. Und auch Experten können sich irren. Deshalb kann man auch mal ruhig die Meinung hinterfragen wenn das so absurd klingt wie bei der Fotografie & DSGVO.1

Wenn man das alles berücksichtigt, was in den Foren und Gruppen gepredigt wird dann darf man ja gar nichts mehr machen ohne Angst zu haben verklagt zu werden. Zehntausende Berufsfotografen werden sich nach neuen Jobs umsehen, die weniger stressig sind. Ich werde wohl wieder im Hotel landen 😉 Teilweise habe ich schon Beiträge gelesen, in denen Leute behaupten, sie hätten ihre Seite erstmal offline genommen oder das ein Fotograf einem Brautpaar abgesagt hätte, weil das fotografieren ja verboten sei. Aber das ist nur Hörensagen.

Der Eventfotograf kommt zu jedem Job mit tausenden von Einwilligungserklärungen zur Messe und legt sie am Eingang aus? Die Leute, die nicht unterschreiben werden noch schnell ‚markiert‘. Es wird keine Partyfotografen mehr geben, die durch Clubs rennen. Der eine Hochtzeitsgast, der nicht einwilligt versaut die ganze Reportage. Das Brautpaar freut sich.

Wie geht es weiter? Mit der Fotografie mache ich mehr oder weniger weiter wie bisher. Hilft ja alles nichts. Bei meinen Hochzeiten hole ich mir, wie bisher auch, immer eine Erlaubnis bevor ich die Fotos online stelle. Das Thema Datenschutz wird weiterhin so wichtig behandelt wie zuvor und alles nötige DSVGO Konform gemacht. Ich habe nicht vor mit euren Daten gewinnbringend zu arbeiten.  Ich bin gespannt, was in naher Zukunft passieren wird. Und wann es passieren wird. Wann und was für ein Urteil gesprochen wird. Klarheit herrscht im Moment bei niemand wirklich. Viele stützen sich auf Aussagen anderer, die man irgendwo was gelesen oder gehört haben. Aber den Teufel an die Wand malen bringt auch nichts. Dann kann ich mein Geschäft gleich dicht machen.

„Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“

In diesem Sinne, guten Appetit.

no comments
Add a comment...

Your email is never published or shared. Required fields are marked *

Menu